Peer Pawelczyk und Hans-Peter Hock haben für den Arete Verlag die „Fußballheimat Sachsen“ zusammengestellt.
Im Interview erklären die beiden Autoren, wie sie die Orte für die „Fußballheimat Sachsen“ ausgewählt haben, welche Plätze eigentlich noch reingehört hätten und geben Tipps für eine Fußballreise nach Sachsen.
Sachsen ist ein großes Flächenland mit einer langen Fußballtradition. Nach welchen Kriterien habt Ihr die 100 Orte ausgesucht, die es letztendlich in die „Fußballheimat Sachsen“ geschafft haben?
Peer Pawelczyk: Neben den Stadien der höherklassigen Vereine haben wir auch nach Orten gesucht, die an Bedeutung verloren haben oder sogar zweckentfremdet wurden.
Hans-Peter Hock: Es war aber wirklich nicht einfach, aus der Vielzahl an interessanten Orten eine Auswahl zu treffen.
Welche Orte hättet Ihr neben anderen gerne noch reingenommen, wenn mehr Platz gewesen wäre?
Peer Pawelczyk: Ich hätte gerne noch die Kurt-Kresse-Kampfbahn in Leipzig und das Stadion Eiswiese in Görlitz reingenommen.
Hans-Peter Hock: Mir tut es vor allem um den Sportplatz Hammertal in Frankenberg leid. Er hätte eigentlich auch in eine „Fußballheimat Sachsen“ gehört.
In Sachsen, genauer in Leipzig, wurde 1900 der Deutsche Fußball-Bund gegründet, und der VfB Leipzig war der erste deutsche Fußballmeister. Wie ist es historisch zu erklären, dass Sachsen eine der Keimzellen des deutschen Fußballs war?
Hans-Peter Hock: Der 1891 in Berlin gegründete Deutsche Cricket- und Fußball-Bund hatte es nicht geschafft, deutschlandweit aktiv und akzeptiert zu werden. Deshalb war es ein Glücksfall, dass der Verband Leipziger Ballspielvereine im Januar 1900 zum 1. Allgemeinen Deutschen Fußballtag einlud, bei dem dann der Deutsche Fußball-Bund gegründet wurde. An gleicher Stelle wurde im Dezember 1900 der Verband Mitteldeutscher Ballspielvereine gegründet, dem sofort zahlreiche Vereine aus dem damaligen Königreich Sachsen angehörten. Dank des dann beginnenden Ligabetriebs wurden Vereine wie der VfB Leipzig, Wacker Leipzig und der Dresdner SC schnell sehr spielstark.
Dynamo Dresden und Lok Leipzig gehörten zu den absoluten Spitzenmannschaften in der DDR. Aber auch der FC Karl-Marx-Stadt, Wismut Aue und Sachsenring Zwickau waren etablierte DDR-Oberligisten. Wie war die Rollenverteilung im sächsischen Fußball? Was waren die klassischen Sachsen-Derbys zu DDR-Zeiten und wurden auch zwischen den sächsischen Vereinen Spieler delegiert?
Peer Pawelczyk: In der DDR waren zunächst die BSG Chemie Leipzig und SC Wismut Karl-Marx-Stadt am erfolgreichsten. Nach der Bildung von Fußballclubs 1965 bzw. 1966 waren der 1. FC Lok Leipzig und der FC Karl-Marx-Stadt die privilegierten Vereine. Doch das Aushängeschild war die SG Dynamo Dresden. Die Betriebssportgemeinschaften aus Aue, Böhlen, Leipzig, Riesa und Zwickau spielten meist nur eine untergeordnete Rolle. Die Leipziger Derbys waren immer ein Zuschauermagnet.
Heute gibt es mit RB Leipzig nur einen – von vielen zumindest außerhalb Sachsens kritisch gesehenen – Erstligisten. Dynamo Dresden hält alleinig die sächsische Fahne in der 2. Bundesliga hoch. Aue steigt gerade aus der 3. Liga ab und wird vielleicht durch Lok Leipzig ersetzt. Eigentlich ist Sachsen doch wirtschaftlich vergleichsweise gesund. Warum gelingt es nicht, mehr Vereine in den drei deutschen Profi-Ligen zu etablieren?
Peer Pawelczyk: Wenn man sich die Vereine in der Regionalliga Nordost anschaut, so fällt auf, dass die großen Vereine aus Sachsen-Anhalt (Halle und Magdeburg) sowie aus Thüringen (Erfurt und Jena) bereits in neuen Fußballarenen spielen und bei Infrastruktur, Marketing und Sponsoring damit über ganz andere Möglichkeiten verfügen, während die beiden Leipziger Vereine noch in ihren traditionsreichen, aber auch renovierungsbedürftigen Stadien spielen, deren Kapazität auch eingeschränkt ist.
Kommen wir weg von der großen Fußball-Bühne und gehen wir in die Fläche. Welcher kleinere Verein oder welche Initiative hat Euch bei Eurer Recherche besonders beeindruckt?
Peer Pawelczyk: Mich hat das Engagement und der Zusammenhalt beim vogtländischen SC Syrau beeindruckt, die mit viel Eigenleistung und auch Unterstützung von Politik und Wirtschaft ihr Sportzentrum umbauen.
Hans-Peter Hock: Ich schätze sehr die Jugendarbeit des Vereins DJK Sokol Ralbitz/Horka 1923 in der Oberlausitz. Die Region ist ja wirklich wirtschaftlich arg gebeutelt und da ist es wichtig, dass ein Verein Jugendlichen eine Möglichkeit gibt, um nicht nur sportlich zusammen zu sein.
Zum Schluss möchte ich Euch noch jeweils um Empfehlungen für Menschen bitten, die am Wochenende ein Fußballspiel in Sachsen besuchen wollen:
Welcher Platz ist landschaftlich am schönsten gelegen? Welche Sportstätte bietet den höchsten Nostalgiefaktor? Was sind Eure Geheimtipps?
Peer Pawelczyk: Besucht unbedingt den Alfred-Kunze-Sportpark und das Bruno-Plache-Stadion in Leipzig, die beide noch nicht zu modernen Fußballarenen umgebaut wurden. Architektonisch hat mich das Sportforum in Chemnitz am meisten beeindruckt. Der alte Sportplatz von Lauter im Erzgebirge ist sehr nostalgisch, wenn man sich die Geschichte des Vereins zu Augen führt.
Hans-Peter Hock: Bei meinen Besuchen vor Ort war ich viel zu Fuß und mit dem ÖPNV unterwegs. Da ist mir besonders Neugersdorf in Erinnerung geblieben, dass einen modernen Fußballplatz an historischer Stätte hat. Und auf dem Weg dorthin kommt man an diesen schmucken landschaftstypischen Umgebindehäusern vorbei. Und in Zittau ist natürlich die historische Holztribüne eine Reise wert. Mir sind auf vielen Sportplätzen diese Sprechertürme aufgefallen, von denen auch einige in unserem Band abgebildet werden. Die wären mal ein eigenes Buch wert.
Vielen Dank für Eure Zeit!
