Ein Kurz-Interview mit der Laufexpertin Joanna Zybon über das Laufen bei Kälte und Dunkelheit
Viele Läuferinnen und Läufer ziehen sich von November bis März in ihr Schneckenhaus zurück und gehen höchstens am Wochenende mal eine Runde drehen. Zu nass, zu kalt, zu dunkel, sind die üblichen Argumente. Was hast Du dagegen zu bieten?
Joanna: Oh … es wäre gar nicht gut, wenn alle Läufer auch im Winter draußen umherrennen würden. Denn das Schöne ist ja, dass die Laufstrecken jetzt freier sind! Auch für meine Kurse. Wir müssen nicht so oft Slalom laufen. Ich selbst liebe das Training im Winter, weil man unbekümmert länger laufen kann. Ohne dauernde Wasserversorgung, ohne auf Ozonwerte und hohe Temperaturen achten zu müssen, ohne vom ersten Meter an zu kochen. Ich mag es, mich und meine Gedanken in der Dunkelheit zu verlieren. Das ist viel entspannter als im Sommer. Läufer, die die winterlichen Bedingungen partout nicht mögen und von November bis März zum Indoor-Training wechseln, machen aber auch nix falsch. Das ist doch jedem selbst überlassen.
Stichwort Kälte: Ab welchen Temperaturen ist Laufen eigentlich wirklich ungesund für Hals, Lunge und Immunsystem?
Joanna: Ab welchen Temperaturen würdest Du nicht mehr Ski fahren? Minus zehn oder 15 Grad Celsius sind für eine gesunde Lunge kein Problem. Ob Du nun in Südtirol Skilanglauf betreibst oder an einem eisigen Tag durch Hildesheim rennst – beides ist Ausdauersport. Ein Asthmatiker braucht vielleicht mildere Bedingungen, aber das ist von der Schwere seiner Krankheit abhängig. Den Hals kannst Du mit einem Tuch oder einem hohen Kragen schützen. Und zum Immunsystem: Regelmäßiger Ausdauersport an der kalten Luft stärkt es ja gerade.
Und die Dunkelheit? Ich gehe momentan morgens aus dem Haus, wenn es noch dunkel ist, und komme wieder, wenn es schon wieder dunkel ist. Und Laufen mit Stirnlampe finde ich lästig. Also was nun?
Joanna: Gibt es in Hildesheim keine Straßenlaternen? – Wenn Du die beleuchteten Asphaltwege in Deiner Stadt nicht magst, gibt es mindestens 27 Möglichkeiten, damit umzugehen. Heute arbeiten zum Beispiel sehr viele Leute im Homeoffice und sind flexibler. Es ist auch nicht verboten, sich mit einem Laufband zu behelfen oder den Hauptteil des Trainings auf das Wochenende zu legen. Samstag und Sonntag zu laufen. Dann reicht nur einmal unter der Woche ein kurzes Bürgersteig-Training im Laternenlicht.
Okay, Möglichkeiten gibt es immer, aber wie schaffen es die rationalen Benefits von meinem Kopf in die Bewegung meiner Beine und Füße?
Joanna: Da gibt es kein Standard-Rezept. Vielleicht hilft Dir ein ganz einfacher Gedanke: Der Tag mit dem frühesten Sonnenuntergang war der 13. Dezember. Der ist längst vorbei. Die Sonne geht nun jeden Tag etwas später unter. Mag der Winter gerade erst begonnen haben – es geht schon wieder dem Frühling entgegen.
Joanna Zybon betreibt in Berlin die Laufschule „Berliner Laufmasche“, publiziert laufend über das Laufen und hat im Arete Verlag zuletzt das Buch „Das Funkeln der Schweißperlen“ veröffentlicht.
