Sascha Kurzrock über seine Glücksgefühle bei alten Fan-Artikeln
Sascha Kurzrock hat für den Arete Verlag seine privaten Schatzkammern geöffnet. Über 800 seiner Lieblingsobjekte aus mehreren Dekaden Fußball-Sammelleidenschaft haben es in den Katalog „Der Zauber des heiligen Rasens“ geschafft. Im Interview spricht er darüber, wie er sich in den Fußball verliebt hat, welche Emotionen historische Objekte in ihm auslösen, warum ihn die Geschichten hinter den Dingen interessieren und was seine Schülerinnen und Schüler über seine Leidenschaft für den 1. FC Köln denken.
In Deinem Prolog beschreibst Du ein kleines Notizheft mit schwarz-rotem Umschlag, in dem Du als Achtjähriger akribisch die Niederlagen Deiner Mannschaft festgehalten hast. Wie hat diese frühe „Dokumentationsarbeit“ Deine spätere Sammelleidenschaft für Fußball-Devotionalien beeinflusst?
Ehrlicherweise gar nicht, das sieht man allein schon daran, dass die Dokumentation nach sechzehn Seiten endet, die Sammelleidenschaft aber offenbar grenzenlos ist und noch auf ihr Finale wartet. Ich habe die Geschichte mit dem kleinen Büchlein deshalb verwendet, weil es in „Der Zauber des heiligen Rasens“ darum geht, wie man sich in den Fußball verliebt – und der Startschuss fiel bei meinen Freunden und mir durch das aktive Spielen auf dem Rasen. Im weiteren Verlauf des Buches geht es dann primär darum, welche Rolle Panini-Alben, Kirmesfähnchen und viele andere Objekte dabei gespielt haben.
Du schreibst, dass es bei Deinem Buch nicht um die „Vollständigkeit einer Sammlung“ geht, sondern darum, „Sachen zu besitzen, ohne die man nicht mehr leben kann, ohne vorher zu wissen, dass es sie überhaupt gibt“. Was bedeutet Sammeln für Dich emotional – besonders im Kontext dieser nostalgischen Fußball-Objekte?
Ich finde es großartig, dass man sich heute als Erwachsener kleine Träume erfüllen kann, die einem als Kind verwehrt wurden. Niemand kann mir sagen, dass ich nach der ersten Halbzeit eines Fußballspiels ins Bett muss, niemand schreibt mir vor, unsere exzellente nordhessische „Ahlen Wurscht“ mit einer Scheibe Brot zu essen. Wenn ich etwas sehe, das gut zur Sammlung passt und das einen finanziellen Rahmen nicht übersteigt, dann nutze ich die Möglichkeit. Oder anders: Es trägt auch dazu bei, das Kind in mir zu erhalten.
Als Fußballblogger von 11km.de und Autor zweier Reiseführer hast Du bisher Orte „gesammelt“, nun präsentierst Du Deine Objektsammlung. Was verbindet diese beiden Sammlerleidenschaften, und worin unterscheiden sie sich?
Die Verbindung liegt darin, Historie zu bewahren. Ich mag Fußballorte mit Tradition, an diesen Orten Leute zu treffen und deren Geschichten zu hören und aufzuschreiben. Mit den Sammelobjekten ist das oft ähnlich, die Hintergründe dazu interessieren mich einfach. Was hat jemanden dazu bewogen, eine Magnettabelle zu erfinden und damit Geld zu verdienen? Ich finde das spannend. Hinzu kommt, dass sowohl die Orte als auch die Gegenstände Kulturgüter sind, wenn man den Kulturbegriff auf den Fußball ausdehnen möchte. Und, drittens, beide Leidenschaften sind meine Hobbys, die ich, genauso wie meinen Beruf, mit großem Impetus betreibe.
Dein Buch ist nicht nur inhaltlich nostalgisch, sondern auch in der Aufmachung eine Hommage an die Quelle-, Neckermann- und VOBIS-Kataloge. Warum war es Dir wichtig, auch in der Form diese bestimmte Ära zu zitieren?
In England gibt es das Buch „Got, not got – The lost world of Football”. Als ich das vor ein paar Jahren in den Händen hielt, fühlte ich mich wieder wie ein Zehnjähriger. Das Buch ist ähnlich gestaltet wie „Der Zauber des heiligen Rasens“, es diente sozusagen als Vorbild. Da es in Deutschland kein Äquivalent gibt – zumindest ist mir keins bekannt –, dachte ich, dass es das Buch auch in einer deutschen Version geben sollte, und habe es selbst geschrieben. Darüber hinaus finde ich es naheliegend, dass das Buch aufgrund seiner Masse an Objekten wie ein Katalog gestaltet ist, und natürlich soll die Gestaltung die Faszination erzeugen, die diese Dinger früher für uns hatten. An dieser Stelle muss man aber auch Katrin Rampp erwähnen, die den Katalog gestaltet hat. Dank ihr sieht er jetzt noch viel besser aus, als ich ihn mir ursprünglich vorgestellt hatte.
Du beschreibst, wie Du als Kind in Deinem nordhessischen Dorf vom großen Fußball „abgehängt“ warst und wie Fanartikel und Devotionalien eine Brücke zur weiten Fußballwelt schlugen. Welche Bedeutung hatten diese Objekte für Heranwachsende vor dem Internet-Zeitalter?
Mein erstes Fußball-Trikot war ein Samsung-Trikot des 1. FC Köln mit der Rückennummer 10, das würde ich niemals hergeben, allein deshalb, weil das in der Pre-Internetzeit nicht so einfach zu bekommen war. Das gilt auch für meinen ersten Schal vom 1. FC Köln, den ich in der Schule gestrickt habe, als die Aufgabe eigentlich das „Urmel aus dem Eis“ war. Natürlich haben diese Sachen eine besondere Bedeutung für mich, weil ich mich noch daran erinnern kann, wie mein Vater zum ersten und einzigen Mal mit einer Tragetasche von der Arbeit nach Hause kam, in der eben das Trikot war – und auch daran, wie ich für die Aktion mit dem Schal meine erste 4 im Zeugnis erhielt.
Im Buch schreibst Du: „Heute begegnen sie einem im Internet, auf Flohmärkten oder in Trödelläden und für eine Minute oder zwei ist man dann wieder ein Kind.“ Was macht diese flüchtigen Momente des Wiedererkennens so wertvoll, und wie haben sie Dich zum Schreiben dieses Buches inspiriert?
Wenn das Gehirn sagt: „Stimmt ja, das gab es ja früher auch“, dann gibt es eine wohltuende Dosis Endorphine. Das habe ich aber auch, wenn ich bei YouTube die Frau aus der Drei-Wetter-Taft-Werbung sehe, sie ihre Haare nach hinten wirft und mich wissen lässt, dass es in Hamburg immer regnet und in Rom die Sonne immer brennt. Andere Menschen erleben das vielleicht, wenn sie bei Bob Dylan aufs Konzert gehen oder sich einen Oldtimer gönnen, bei mir ist es eben etwas niedrigschwelliger.
Im Kapitel über Eintrittskarten zitierst Du den 11FREUNDE-Chefredakteur Philipp Köster: „Die digitale Welt ist flüchtig. […] Und was bleibt von Spielen, wenn das einzige Dokument ein QR-Code auf dem Handy ist?“ Haben wir mit der Digitalisierung etwas Wesentliches in unserer Beziehung zum Fußball verloren?
Wenn mir wirklich so viel daran läge, würde ich mir eine alte Kamera kaufen, einen 24er-Film einlegen und meine Fotos analog machen, denn die Freiheit dazu hätte ich ja. So sehr ich vieles davon vermisse, so einfach, bequem und qualitativ herausragend sind Smartphones und ihre Möglichkeiten. Und ich bin auch einer von denen, die durch die Nutzung von Streaminganbietern dazu beigetragen haben, dass es in Göttingen keine Videotheken mehr gibt, auch wenn wir leidenschaftlich gern ins Kino gehen. Daher haben wir mit den Eintrittskarten und den Stadionprogrammen etwas verloren, für mich kann ich aber sagen, dass ich daran eine Mitschuld trage und sicher nicht ganz frei von einer ausgeprägten Doppelmoral bin.
Du beschreibst liebevoll die Schwierigkeiten mit der Stecktabelle im Kicker-Sonderheft – von geöffneten Heftklammern bis zum „feinen Messer“. Inwiefern gehörten solche kleinen Hürden zum Wert dieser Fanartikel?
Wenn ein Mannschaftsfoto im Panini-Album aus zwei oder mehr Bildern bestand, die zusammengeklebt werden mussten, ging das bei mir regelmäßig in die Hose. Ich vermute aber eher, dass das viel mehr an meiner eigenen Unzulänglichkeit als an den Artikeln lag. Vermutlich trägt diese Unzulänglichkeit dazu bei, dass man sich heute daran erinnern kann, aber mit dem Wert der Fanartikel hat das nichts zu tun.
Von Maskottchen wie „Tip und Tap“ oder „Berni“ bis zu skurrilen Vereinsnamen in der DDR wie „BSG Eierproduktion Rothemühl“ – dein Buch dokumentiert auch die unfreiwillig komische Seite der Fußballkultur. Welche Rolle spielt der Kitsch für die Identifikation?
Bei mir hat der Kitsch irgendwann den Personenkult abgelöst. Ich verbinde mit meinem ersten Littbarski-Trikot mehr Erinnerungen als an den Menschen, den ich persönlich gar nicht kenne. Mit 45 Jahren habe ich einen anderen Blick darauf als mit 10, damals hätte ich Littbarski vielleicht nicht zugetraut, dass er Moses-like das Meer spaltet, zumindest aber den Rhein. Deshalb spreche ich auch viel lieber mit Menschen, die gar nicht so im Rampenlicht stehen.
Im Buch dokumentierst Du auch die Unterschiede zwischen Ost und West bei Fanartikeln. Wie spiegelten sich gesellschaftliche und politische Verhältnisse in den Objekten wider, und was können wir daraus lernen?
Vor gut einem Jahr hatten wir an unserer Schule Wolfgang Seguin und Mathias Schipper zu Gast, die sich 1977 im Europapokal gegenüberstanden – „Paule“ für Magdeburg, „Mattes“ für Schalke. Eine Schülergruppe musste dann einen Schalke-Wimpel mit den beschränkten Möglichkeiten herstellen, die der Osten damals bot. Die Idee kam mir in der „Fohlenwelt“ von Borussia Mönchengladbach, in der ein solch selbstgebastelter Wimpel hängt. Auf diese Weise haben wir Markt- und Planwirtschaft thematisiert, wir hatten aber auch Themen wie Reisefreiheit, Mauerbau und Mauerfall. Die beiden Fußballer haben dann die Fragen der Schülerinnen und Schüler beantwortet, die im Rahmen ihrer Gruppenarbeit entstanden. Objekte sollten in der Geschichtsdidaktik eine Rolle spielen, aber diesem Anspruch kann das Buch höchstens im Ansatz gerecht werden, das war auch nicht das Ziel des Buches.
Du verbindest die Objekte mit persönlichen Geschichten und kulturhistorischen Hintergründen. Wie wichtig war es Dir, nicht nur einen Bildband zu erstellen, sondern auch Kontexte zu liefern?
Wenn es eine Hintergrundgeschichte gibt, dann möchte ich sie auch erfahren. Allerdings werden einem oftmals Grenzen gesetzt, manche Objekte haben keine Herstellerkennung und man weiß gar nicht, wo man mit der Suche beginnen soll, manchmal sind Zeitzeuginnen und Zeitzeugen bereits verstorben oder es gibt schlicht und ergreifend keinen tieferen Hintergrund zu einem Objekt. Am wichtigsten ist aber, dass die Menschen dazu bereit sind, sich zu öffnen und sich die Zeit zu nehmen. Beim Schreiben eines Buches spielt für mich der Spaß die größte Rolle, und den empfinde ich, wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme. So schön die ganzen Devotionalien sind, ich finde es wichtig, dass die Leserinnen und Leser ihre eigene Geschichte damit verbinden oder die Geschichte der Gegenstände erfahren.
Du hast für das Buch mit Zeitzeugen wie Frank Ganskow aus der DDR oder Eduard Lange, der durch ein Gewinnspiel zur WM 1970 nach Mexiko reisen durfte, gesprochen. Wie haben diese persönlichen Geschichten Dein Verständnis der Objekte verändert?
Frank kennt sich im DDR-Fußball nicht nur unheimlich gut aus, er ist auch sehr engagiert und organisiert in seiner Heimat Veranstaltungen zum Thema Fußball. Er hat die DDR noch selbst erlebt und kennt unzählige brachliegende Geschichten, die noch aufgeschrieben werden müssten. Ihn zu kennen, ist ein Geschenk. Er ist Fan von Cottbus und dem HSV und hat heute noch sein erstes HSV-Glas, das er auf dem Rummelplatz gewonnen hat. Ich fand bei unserem Gespräch total interessant, dass sich die Geschichten in Ost und West so sehr ähnelten. Dass es Objekte von West-Vereinen auf Rummelplätzen der DDR gab, hat mich völlig überrascht.
Herr Lange ist ein schönes Beispiel dafür, wie so eine Geschichte entsteht. Ich habe bei Ebay die Gewinnspielkarte gefunden, die man ausfüllen musste, um zur WM 1970 zu fliegen. Dann fing es bei mir an zu rattern und die Recherche ging los: Den Aral-Werbespot mit Franz Beckenbauer findet man bei YouTube, dort tauchen die Gewinnerinnen und Gewinner auf, z. B. „E. Lange, Freudenthal“. Ich habe dann alle Namen mit Orten abtelefoniert. Dass Herr Lange zehn Minuten von meiner Schule entfernt wohnt, war ein schöner Zufall. Bis auf ein paar Fotos hat er nichts mehr von der WM in Mexico, aber darum ging es mir auch nicht – ich wollte jemanden, der diese kleine, blaue Karte ausgefüllt hat und am Ende im Flieger saß. Das hat geklappt.
In Deinem Epilog schreibst Du: „Früher war bestimmt nicht alles gut, manches war sogar richtig schlecht“ und erwähnst Hillsborough, mangelhafte Hygiene und Diskriminierung im Stadion. Wie findest Du die Balance zwischen Nostalgie und kritischer Betrachtung der Vergangenheit?
Wenn ich an meine Kindheit denke, die in erster Linie auf dem Sportplatz und in zweiter vor dem Fernseher stattgefunden hat, dann hatte ich großes Glück. Viel unbeschwerter kann man nicht aufwachsen. Andererseits kann ich mich auch noch daran erinnern, wie ich vor dem Gartentor stand und nicht auf die Wiese durfte, weil in der Ukraine ein Atomreaktor explodiert war. So ist es auch mit dem Buch: Die Leserinnen und Leser bekommen auf rund 120 Seiten viel Positives vermittelt, auf zwei Seiten wird der Inhalt etwas relativiert. Das finde ich wichtig, auch wenn die Objekte auf diesen beiden genannten Seiten teilweise grenzwertig sind.
Du beschließt Dein Buch mit dem Satz: „Was aber vollkommen unmöglich sein wird: Dass noch einmal so liebevoll geiler Schrott produziert wird wie früher.“ Was unterscheidet den heutigen Merchandising-Markt so grundlegend von den Fanartikeln der 70er bis 90er Jahre?
Die meisten Sachen in den Fan-Shops der Bundesliga sind deckungsgleich. Der FC Bayern hat nach meinem Stand ca. dreimal so viele Artikel im Sortiment wie die anderen Bundesligisten. Darüber hinaus bekomme ich das, was ich von meinem 1. FC Köln bekomme, auch von Eintracht Frankfurt oder dem Hamburger SV. Auf meinem Platz im Lehrerzimmer stehen zwar eher neuere Artikel des 1. FC Köln als antike Schätzchen, aber darüber hinaus macht mich das neue Zeug nicht glücklich. Zu „Bares für Rares“ wird aber ja auch keiner eingeladen, der sich gerade ’nen neuen Rasenmäher gekauft hat.
Dein Buch ist auch ein Zeitdokument für nachfolgende Generationen. Was sollten junge Fußballfans von heute über die emotionale Beziehung zum Fußball lernen, die durch die Objekte dieser Ära geprägt wurde?
Vor Kurzem fragte mich ein Schüler nach meinem Lieblingsverein. Als ich ihm sagte, dass das Köln sei, fing er an zu lachen und sagte, ich solle bitte ernsthaft antworten. Dann sagte ich ihm, dass das kein Spaß sei. Er stellte daraufhin die Frage, warum ich denn nicht Fan von einem richtigen Verein sei, woraufhin ich ihm erklärt habe, dass der 1. FC Köln ein richtiger Verein ist. Was ich damit sagen möchte: Meine fußballbegeisterten Schülerinnen und Schüler interessieren sich anders für Fußball, als das zu unserer Jugend der Fall war. Sie sind, wenn überhaupt, Fan von internationalen Vereinen oder nur von einzelnen Spielern. Ich denke, dass das Buch eher eine ältere Zielgruppe abholt – und wenn sich meine Schülerinnen und Schüler in dreißig Jahren nicht an irgendwelche Objekte, sondern an Dembélés Tore erinnern, dann ist das für mich auch in Ordnung.
Von Sascha Kurzrock sind im Arete Verlag auch erschienen: „Fußball – eine Deutschlandreise“ und „Deutschlandreise EM 2024“
